Von der «Auskunftei» über «Rechtskonsulenten» bis zum «Forderungsmanagement»:

Seit es Handel gibt, kommt es zu Zahlungsverzögerungen. Inkasso beschäftigt die Menschen also seit je her. Dass Geldeintreiben an die Nerven geht, ist ebenso eine zeitlose Wahrheit, die dem Inkasso-Business einen obskuren Ruf eingebrockt hat, der lange haften blieb. Die Realität aber sieht ganz anders aus.

19. Jahrhundert: Die ersten Inkassos entstehen

Im Wirtschaftsboom der Gründerzeit (spätes 19. Jahrhundert) kommt es in der Hitze des Gefechts vermehrt zu grösseren Zahlungsverzögerungen und -ausfällen. Damit das ‚Brummen‘ der Wirtschaft nicht zu einem Krach wird, treten zu dieser Zeit erste Inkassounternehmer auf den Markt. Diese frühen Auskunfteien kümmerten sich um den Einzug von überfälligen Forderungen. Diese Arbeitsteilung hat sich durchgesetzt. Auch heute können grössere Mengen unbezahlter Rechnungen (besonders für kleinere und mittlere Unternehmen) zur ernsthaften Gefahr werden. Oftmals haben diese aber selber weder die Zeit noch das notwendige Know-how, um sich um die fehlenden Beträge zu kümmern. Aus diesem Grund arbeiten sie mit Inkassobüros zusammen. Diese beschäftigen sich professionell und ausschliesslich mit der Einforderung der überfälligen Gelder.

20. Jahrhundert: Es wird komplizierter

Ab 1920 müssen sich Inkassobüros zunehmend juristische Kompetenzen aneignen. Sie werden als sogenannte Rechtskonsulenten zu Spezialisten für Rechtsberatung und für die Einforderung ausgeklagter Forderungen. Nach der turbulenten Zeit der beiden Weltkriege (1914-18 und 1939-45) führt der wirtschaftliche Aufschwung zu einer weiteren Belebung der Branche. Inkassos werden immer wichtiger, weil sie im Wirtschaftskreislauf dafür sorgen, dass ausstehende Beträge auch wirklich irgendwann bezahlt werden. Zugleich wird die Inkassobranche immer stärker reguliert. Woher kommt dann das schlechte Image, woher die Legenden von «Russisch-Inkasso»? Nun, wenn Gläubiger mit viel Aufwand versuchen, an das ihnen zustehende Geld zu kommen, können schon einmal die Nerven blank liegen. Verständlich, dass dann die Fantasie mit einem durchgeht: Man wünscht sich harte Bandagen und brutale Geldeintreiber. Doch so einfach ist es nicht.

Inkasso heute: sauber, verlässlich, unersetzbar

Inkassobüros geniessen keinen besonders guten Ruf. Zweifelhafte Geldeintreiber und kriminelle Auswüchse sind in der Branche aber Vergangenheit (und waren wohl immer schon eher Märchen und Legenden als Realität). In der Schweiz gibt die Strafgesetzgebung nämlich enge Grenzen vor: So ist das Androhen von «ernstlichen Nachteilen» wie beispielsweise der Verschlechterung der Kreditwürdigkeit im Falle der Nichtzahlung bereits eine Nötigung (Art. 181 StGB). Anders sieht es aus, wenn eine Betreibung (für die ohnehin keine Mahnung notwendig ist) angekündigt wird.

Grundsätzlich lässt sich feststellten, dass heute stark auf die Zusammenarbeit zwischen Schuldner und Gläubiger gesetzt wird. Schliesslich will das Unternehmen den Schuldner als Kunden ja behalten. Das Inkassounternehmen versucht entsprechend primär, zwischen Unternehmen und Schuldner zu vermitteln. In komplizierten Fällen können gut aufgestellte Inkassoservices auf ein breites Netzwerk und auf Erkenntnisse aus parallelen Fällen innerhalb des Unternehmens zurückgreifen.

Inkassofälle in der Schweiz nehmen seit 2008 wieder zu

Wenn eine Rechnung nach Ablauf der zweiten Mahnfrist von einem Kunden noch immer nicht beglichen wurde, kommt es heute meist automatisch zu einem Inkassofall. Solche Zahlverzögerungen oder Zahlverweigerungen haben in der Schweiz seit der Finanzkrise 2008 in erheblichem Masse zugenommen. Besonders viele davon gibt es in den Stadtkantonen Genf und Basel-Stadt sowie in Waadt und Neuenburg. Junge Menschen zwischen 18 und 34 sind besonders gefährdet, sich zu verschulden. Je höher das Alter, je stabiler das soziale Netz, je besser die Ausbildung und je grösser das Einkommen, desto kleiner ist das Risiko einer Verschuldung.

Inkasso gehört zu einer funktionierenden Marktwirtschaft. Und dass die Unternehmen, vor allem die kleineren und mittleren, dies unliebsame Thema nicht selbst auf dem Schreibtisch haben, sondern extern geben können, ist nur folgerichtig.

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